Wo können Stadtkinder noch erleben, was es für ein Gefühl ist, einen Baum zu erobern, wo können sie erleben wie der Regen die Erde verändert, Matsche, Sand, Steine, Holz an Händen und Füßen spüren, nach Herzenslust, damit Welt gestalten, ohne sofort zur "Ordnung" gerufen zu werden, wo erleben sie die Veränderungen der Natur im Jahreslauf, dass Himbeeren an Sträuchern wachsen und im August die Pflaumen vom Baum fallen ... ?

Alles dies sind Defizite einer Kindheit in einer weitestgehend kinderfeindlichen und zubetonierten "Umwelt". Ärzte und Psychologen sind sich heute über die Wichtigkeit bestimmter elementarer Erfahrungen für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung einig. Die Anthroposophie ordnet zudem der Entwicklung der körperlichen Sinne jeweils eine bestimmte seelische Entwicklungsstufe zu. Der Pflege dieser Sinne gilt ein großer Teil der pädagogischen Arbeit und Gestaltung im Haus und so auch draußen, im Garten.

Deswegen war es von Anfang an Wille und Ziel der Eltern und Erzieher, auf dem großen Grundstück keinen normierten Spielplatz, sondern einen vielfältigen Natur-Erlebnisraum zu gestalten bzw. zu erhalten, denn dieses Fleckchen Erde brachte von "Natur" aus einen großen Reichtum mit, vor allem einen auffällig hohen alten Baumbestand. Es war sozusagen wie geschaffen für diesen Kindergarten.

1993 begann die Elterngemeinschaft mit der fachkräftigen Unterstützung des Landschaftsgärtners Reinhard Arens aus Wuppertal dieses Konzept umzusetzen. Da der größte Teil aus finanziellen Gründen praktisch von Eltern in Eigenarbeit geleistet wurde und wird, entwickelte sich der Garten zu einer lebenden Baustelle. Es wurden Steine geschleppt, viele Kubikmeter Erde verschoben, gesägt und gehämmert, mit vorhandenen und immer wieder neu entdeckten Materialien gestaltet. Im Tun entstand Vertrautheit mit den Gegebenheiten dieses Ortes, sowie Gemeinschaft auch mit den Kindern, die das Konzept durch ihr Spielverhalten bis heute "leben" lassen. Der Garten ist in diesem Sinne nie fertig, sondern ein wirkliches Stück Leben, das sich immer wieder verändert.

Im Laufe der Jahre entstand eine kleine Oase, ein Mikrokosmos, in dem Kinder die Elemente Erde, Holz, Stein und Wasser im freien Spiel kennen lernen können, sie überwinden Höhenunterschiede und lernen mit Gefahren zu leben. Es ist ihr Garten, in dem die Rose und der Käfer nicht anonym sind, sondern Lebewesen, mit denen sie einen Naturraum teilen. Mit leiser pädagogischer Unterstützung lernen sie die Wesen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu achten und zu pflegen. Im Sommer wird regelmäßig morgens mit den Kindern "gegärtnert". Jede Gruppe im Haus besitzt ein eigenes Stückchen Nutz und Ziergarten. Hier können sie säen, Wachstum erleben, Verantwortung üben und dank der vielen Obstbäume eigens teilnehmen an der Erntezeit. Die Früchte werden auf vielfältige Weise so weit es geht im Hause selber verarbeitet. So sind Innen und Außen untrennbar miteinander verbunden. Eltern finden im alltäglichen Kommen und Gehen oft noch einen Moment der Muße im ...

"Die Schönheit einer Blüte, die Anmut eines fliegenden Vogels, das Rauschen des Windes in den Bäumen irgendwann in unserem Leben berührt die Natur uns auf eine besondere persönliche Weise. Einen Augenblick lang öffnet sich ein Spalt, durch den wir etwas von Ihrem geheimnisvollen Wesen und ihrer Reinheit erblicken und wir werden daran erinnert, daß es ein Leben gibt, das größer ist als die kleinen Angelegenheiten des Menschen."
J. Cornell